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Schwierige Lage für die LGBTI-Gemeinschaft

Die Menschenrechtslage für die LGBTI-Gemeinschaft (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Intersexuelle) in Honduras ist prekär. Seit Jahren kommt es zu Hassverbrechen gegen deren Mitglieder. MenschenrechtsverteidigerInnen (MRV), die sich für LGBTI-Rechte einsetzen, sind gefährdet, da sie die Rechte einer nicht-anerkannten und marginalisierten Gruppe verteidigen.

Die meisten Täter gehören der Polizei an

Seit dem Staatsputsch 2009 bis heute, wurden über 200 Morde an LGBTI-Mitgliedern registriert, wobei der Grossteil der Opfer homosexuelle Männer waren. Doch nicht nur die Zahl der Todesopfer ist alarmierend, sondern auch die Straflosigkeit in diesen Fällen. Über 90% der Verbrechen kommen nicht vor Gericht und bleiben somit unbestraft. Erschwerend kommt hinzu, dass viele der Täter Teil des öffentlichen Apparates sind. So werden 70% der Menschenrechtsverletzungen gegen die LGBTI-Gemeinschaft mutmasslich von der Polizei verübt. Verbrechen wie illegale Verhaftungen, Erpressungen und Belästigungen werden aus Angst vor Unterdrückung und Gewalt oft gar nicht angezeigt. Für die LGBTI-Gemeinschaft stellen die Polizei und das Militär, welche in den Strassen patrouillieren, das grösste Risiko dar. Weiter besteht für inhaftierte LGBTI-Personen eine erhöhte Gefahr sexueller Gewalt von Seiten anderer Häftlinge oder dem Sicherheitspersonal.

Am 20. August 2015 fingen Agenten der Militärpolizei Marco Aurelio López, MRV und Direktor der «Asociación Manos Amigas» ab, fuhren ihn in einen anderen Stadtteil und verprügelten und vergewaltigten ihn dort. Am 24. Januar 2016 wurde Paola Barraza, Mitglied der Trans-Gruppe «Muñecas», vor ihrem Haus erschossen, nachdem sie schon ein halbes Jahr zuvor von Unbekannten angeschossen worden war. Beide Fälle sind bis anhin noch nicht vor Gericht gebracht worden.

Die Diskriminierung ist allgegenwärtig

In Honduras ist die Lage für MRV allgemein schwierig. Diejenigen, welche sich für die LGBTI-Rechte einsetzen, haben einen doppelt schwierigen Stand. Zum einen sind sie aufgrund ihres Einsatzes für die Menschenrechte gefährdet. Zum anderen werden sie angegriffen, weil sie der LGBTI-Gemeinschaft angehören.

Es gibt verschiedene Ursachen für die Diskriminierung der LGBTI-Gemeinschaft. Als in den 80er Jahren der erste Fall von HIV in Honduras auftauchte, brachte der Staat die Verbreitung des Virus mit der LGBTI-Gemeinschaft in Verbindung. Doch nicht nur der Staat, sondern auch die Kirche, Medien und Schulen erschweren den Prozess der Gleichstellung und Akzeptanz von LGBTI-Menschen. Sie werden oft nur auf ihre sexuelle Aktivität reduziert und die verwendete Sprache ist homophob und provoziert somit Disqualifikation, soziale Exklusion und Hass. Für viele Mitglieder der LGBTI-Gemeinschaft ist es sehr schwierig eine Arbeit zu finden, was viele in die Prostitution treibt.

«Wenn die Medien gegen dich sind, die Kirche gegen dich ist, der Präsident gegen dich ist, wie kannst du dann Kraft finden, um deinen Standpunkt auszusprechen und für Unterstützung zu sorgen?» -  Indyra Mendoza Aguilar von der feministischen Lesbenorganisation «Cattrachas» (zitiert aus The Irish Times, 12. Mai 2015.)

In Honduras hat die Kirche einen grossen Einfluss auf die Gesellschaft und Politik. So wird im traditionellen Diskurs der Kirche Homosexualität als eine Bedrohung dargestellt und viele HonduranerInnen betrachten sie als eine ansteckende Krankheit. Bei den Parlamentswahlen im Jahr 2012 kandidierten vier Personen aus der LGBTI-Gemeinschaft für die Partei LIBRE. Daraufhin forderte der Pastor Evelio Reyes die Gläubigen auf: «Stimmt nicht für Homosexuelle und Lesben, welche die Modelle Gottes verderben, stimmt nicht für die Feinde Gottes.»

«Asociación LGBTI Arcoíris» - LGBTI-Vereinigung Regenbogen

Angesichts dieser schwierigen Lage gründeten Mitglieder der LGBTI-Gemeinschaft 2003 in den Städten Comayagüela und Tegucigalpa die «Asociación LGBTI Arcoíris». Das Ziel der Organisation ist es, die LGBTI-Gemeinschaft über Themen wie Gesundheitsprävention, die Verteidigung und Förderung der Menschenrechte sowie sexuelle Vielfalt zu informieren. Zudem arbeiten sie im Bereich der Sensibilisierung, um Stigmas und Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung zu reduzieren. Doch Arcoíris ist auch ein Ort der Zusammenkunft und des Trostes. Die Organisation bietet ihren über 600 Mitgliedern eine Zufluchtsstätte, an welcher sie sich selbst sein können. Denn sobald sie wieder draussen sind, verheimlichen viele ihre sexuelle Identität.

«In Honduras wird Homosexuellen das Recht auf Leben nicht zugestanden. Wir wollen, dass unsere menschliche Würde respektiert wird.» - Donny Reyes, Koordinator von Arcoíris.

Donny Reyes, Koordinator von Arcoíris, wurde schon mehrmals Opfer von Angriffen, sexuellen Übergriffen, Inhaftierungen und Einschüchterungen. Dies führte dazu, dass die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte (CIDH) im Jahre 2012 von der Regierung Schutzmechanismen für ihn forderte, welche jedoch nie umgesetzt wurden. Die Drohungen gingen weiter und die Situation zwang Reyes dazu, im gleichen Jahr ins Ausland zu fliehen. Doch dies empfindet der Aktivist nicht als Lösung, daher kehrte er nach etwas mehr als sechs Monaten nach Honduras zurück: «Das Exil ist eine Option, aber wenn alle aus dem Land flüchten, was bleibt schlussendlich übrig?»

Begleitung und Unterstützung von PBI

Donny Reyes und die Organisation Arcoíris werden seit 2015 von PBI begleitet. Die internationale Begleitung schützt die MenschenrechtsverteidigerInnen im Land und stärkt ihr Engagement. Im September 2015 organisierte PBI eine Speaking Tour, bei welcher Donny Reyes die Möglichkeit hatte, in diversen europäischen Ländern über die Lage der LGBTI-Gemeinschaft zu berichten und so international Unterstützung für seine Anliegen zu bekommen. In Februar 2016 veröffentlichte PBI eine «Alerta» (Warnung), in welcher die internationale Gemeinschaft auf die Sicherheitslage der Mitglieder von Arcoíris aufmerksam gemacht und aufgerufen wurde, Druck auf die Regierung auszuüben.


Publikationen von PBI Honduras

Alerta: Comunidad LGBT en alto riesgo (Spanisch), PBI Honduras, Februar 2016

Boletín (Spanisch), PBI Honduras, Dezember 2015

La Defensa de los Derechos Humanos, una actividad de alto riesgo (Spanisch), PBI Honduras, Dezember 2012

 

 


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