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Kolumbien, November 2016 - Mai 2018

Lisa Stalder

Lisa Stalder (1989)

Master in Migrationsstudien

Bachelor in Politikwissenschaften


Medienberichte

Mehr als nur ein Tropfen auf den heissen Stein

Lisa Stalder verbrachte achtzehn Monate in Kolumbien, um sich für die Menschenrechte einzusetzen. Jetzt ist sie wieder in Thun und berichtet von ihren Erlebnissen.

Damaris Oesch

Thuner Tagblatt, 14. August 2018

Nach der Rückkehr

18 Monate verbrachte Lisa Stalder als PBI-Freiwillige in Kolumbien. Es waren auch die ersten 18 Monate nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages zwischen dem kolumbianischen Staat und der FARC. Für lokale MenschenrechtsverteidigerInnen war es eine schwierige Zeit und damit auch für die internationalen BegleiterInnen von PBI. Dennoch blickt die Schweizer Freiwillige auf einen Einsatz mit vielen bereichernden Begegnungen zurück.

Seit zwei Wochen bin ich wieder in der Schweiz – und doch irgendwie noch nicht ganz zurück. Obschon es während der ersten Monaten in Kolumbien nicht immer einfach war, mich in der neuen Umgebung einzufinden und die politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Zusammenhänge zu verstehen, so ist wiederum auch die Rückkehr in die Schweiz eine Umstellung: Zum Beispiel der Karrieredruck in meinem Schweizer Umfeld oder der Stellenwert des wirtschaftlichen Wachstums, welchem so manches untergeordnet wird, fällt mir auf. Der Lebensrhythmus ist hier anders. Die Vorstellung davon, was Wohlstand, Lebensqualität und Entwicklung ausmacht, im Allgemeinen auch.

Eineinhalb Jahre Einsatz mit PBI, eineinhalb Jahre Friedensvertrag – ein Fazit

Meine 18 Monate als PBI-Freiwillige in Urabá im Nordwesten Kolumbiens waren zufällig auch die ersten 18 Monate nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen dem kolumbianischen Staat und der FARC, der ehemalig grössten Guerrillagruppe des Landes. Es war eine turbulente Zeit für kolumbianische MenschenrechtsverteidigerInnen (MRV), denn der Rückzug der FARC aus den ländlichen Gebiete bedeutete für die Gemeinden und MRV leider nicht, dass sie endlich Ruhe hatten von Gewalt und Krieg.

Im 2017, dem ersten Jahr nach der Unterzeichnung des Abkommens, sind in Kolumbien 106 MRV umgebracht worden. Das ist im Vergleich zu den Vorjahren eine sehr hohe Zahl, doch ist es eben nicht nur eine Zahl: Ende November und anfangs Dezember wurden die vom PBI-Team in Urabá indirekt begleiteten MRV Mario Castaño und Hernán Bedoya ermordet. Das bedeutete für uns Freiwillige eine sehr intensive und belastende Zeit mit vielen Begleitungsanfragen von MRV, die den Opfern sehr nahe gestanden hatten und trotz des Schmerzes und der Angst den Widerstand nicht aufgeben wollte.

In dieser Zeit verspürte ich oft Hilflosigkeit, dass die Gewalt und die Interessen, die dahinter stehen, zu gross sind, um sich gegen sie wehren zu können. Ich hatte auch Angst um die begleiteten MRV, mit denen man als Begleiterin viel Zeit verbringt und sie persönlich kennenlernt. Doch für die Menschen in Urabá war es nicht das erste Mal, dass sie Gemeindemitglieder, Freunde und Familie verloren. Eine Menschenrechtsverteidigerin erklärte mir, dass all diese schmerzhaften Verluste für sie auch Grund sind, nicht aufzugeben für die Gerechtigkeit zu kämpfen – den Opfern zu Ehren.

In dieser Zeit wurde mir auch bewusst, wie wichtig die Begleitung von PBI für die Gemeinden und MRV ist. Sie gewährt ein Stück Sicherheit, die manchmal notwendig ist, damit die MRV in schwierigen Situationen sich organisieren und Entscheidungen treffen können. Die scheinbar kleine Geste der internationalen Solidarität ist eine Form der Anerkennung für die geleistete Arbeit dieser Menschen, die sich tagtäglich der Vertreibung, der Ungerechtigkeit und dem Krieg widersetzen.

Friedensvertrag in Gefahr?

Aus der Ferne habe ich nun die Präsidentschaftswahlen in Kolumbien mitverfolgt. Gewonnen hat Iván Duque, der Kandidat der konservativen Partei Centro Democrático, welcher im Wahlkampf ansagte, das Friedensabkommen abändern zu wollen. Dies wird den Friedensprozess nun auf noch wackeligere Beine stellen. Für die lokalen MRV und die BegleiterInnen von PBI bedeutet das, dass viel Arbeit auf sie wartet. Auch auf internationaler Ebene ist es nun umso wichtiger, Druck zum Schutz der MRV auszuüben. Dafür werde ich mich nach meinem Feldeinsatz weiterhin einsetzen.

Weitere Informationen:

Piedra en el Zapato: Informe Anual 2017, SIADDHH, 1. März 2018 https://www.justiciaypazcolombia.com/32320-2/

Asesinan al líder Mario Castaño Bravo, integrante de Conpaz en Chocó, Comisión Intereclesial de Justicia y Paz, 26. November 2017

Asesinado líder Hernán Bedoya, Comisión Intereclesial de Justicia y Paz, 8. Dezember 2017

¿Podría Duque modificar el Acuerdo de Paz?, La Silla Vacía, 25. Mai 2018



Filmvorführung "Silencio en el Paraíso", Bern, 16.08.2018

Kommen Sie zur Filmvorführung mit Lisa Stalder! Gezeigt wird "Silencio en el Paraíso", ein Film über die Themaktik der "Falsos Positivos". > Flyer herunterladen


Vor der Abreise

Lisa Stalder aus Thun reiste am 20. November 2016 für eineinhalb Jahre nach Kolumbien, um dort bedrohte MenschenrechtsverteidigerInnen zu begleiten. Nach ihrem Praktikum bei PBI-Schweiz von Ende 2015 bis anfangs 2016 arbeitete sie mit Flüchtlingen in Ecuador, die mehrheitlich aus Kolumbien stammen, und hat dabei viel über die Menschenrechtssituation in Kolumbien gelernt.

Sich für einen positiven gesellschaftlichen Wandel einzusetzen braucht Mut und ist in gewissen Ländern mit besonderen Risiken verbunden. Dennoch ist es unabdingbar, dass es weltweit Menschen gibt, die sich nicht von ihrem Kampf für Gerechtigkeit und Frieden abbringen lassen. Mit meinem Einsatz mit PBI in Kolumbien möchte ich einen Beitrag leisten, damit diese Menschen ihre Arbeit fortführen können. Denn schlussendlich verändern sie die Welt, in der wir alle leben.

Kolumbien und überhaupt die Welt brauche eine „Revolución de la Ternura“, eine Revolution der Zärtlichkeit, sagte Iván Forero, der kolumbianische Menschenrechtsverteidiger, der seit vielen Jahren in Spanien im Exil lebt und von dort aus weiterkämpft für die Menschenrechte und den Frieden in seinem Heimatland und in seiner neuen Heimat Europa. Die Kriege der Welt könnten nicht mit Fachwissen alleine beendet werden. Vor allem brauche es eine gesunde Portion menschliches Mitgefühl um dem Grauen ein Ende zu setzen.

Das Grauen, der Konflikt dauert in Kolumbien schon seit über 50 Jahren an und wird auch mit den aktuellen Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der FARC nicht zu einem baldigen Ende kommen. Zu stark sind die Strukturen des Konflikts und die nationalen und internationalen Interessen, die diesen am Leben erhalten möchten. Und auch wir in der Schweiz sind Teil dieser internationalen Struktur, der wirtschaftlichen Interessen und des globalen Konsumverhaltens, die den Konflikt in Kolumbien und in anderen Ländern aufrechterhalten.

Um die Welt ein kleines Stück zu verändern, sich für den Frieden und die Menschenrechte einzusetzen, muss man nicht nach Kolumbien reisen. Auch in der Schweiz gibt es Ungerechtigkeit und es werden Menschenrechte verletzt. Wir können von hier aus viel Einfluss nehmen auf das, was anderswo geschieht. Trotzdem oder vielleicht gerade weil ich denke, dass in dieser Welt alles irgendwie zusammenhängt, habe ich mich für einen Einsatz mit PBI in Kolumbien entschieden. Die Ungerechtigkeit in Kolumbien betrifft auch mich. Das Recht der Menschen in Kolumbien auf ein Leben in Frieden ist auch mir ein Anliegen. Von den mutigen MenschenrechtsverteidigerInnen, die ihr Leben für den Frieden riskieren, kann ich sehr viel lernen. Was ich ihnen geben kann, ist eine grosse Portion Solidarität und moralische Unterstützung von Mensch zu Mensch.


Peace Brigades International
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